Dominik Irtenkauf spricht mit Joshua Greene, dem Babysittingbaby von Marilyn Monroe.

 

Starfotograf Milton Greene war ein enger Vertrauter Marilyn Monroes. Monroe – Model, Schauspielerin, Sexsymbol und Babysitterin. Sein Sohn Joshua war damals anderthalb Jahre jung, die Monroe passte auf den Kleinen auf. Im Interview stellt sich die Beziehung zwischen Joshuas Vater und Marilyn als befreiend für beide dar. Schließlich kam es zum Bruch:  Ein Superstar, der unter ständiger Beobachtung der Medien stand und dabei so gerne eine Familie gründen wollte. Was sie selbst nicht haben konnte, fand sie bei Milton und Joshua Greene.

MENSCH MARILYN

Wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Marilyn Monroe?

Sie hatte keine Familie. Marilyn trat also in das Leben meiner Eltern. Sie hatten eine glückliche Familie mit einem Kind, das war ich. Wir beschäftigten eine Haushaltshilfe, die uns beim Kochen, Putzen und generell im Haushalt aushalf. Marilyn konnte jederzeit kommen und gehen, wie sie wollte. Sie hatte einen eigenen Zugang. Sie musste also nicht durch unsere Wohnung. In diesem Apartment verbrachte sie anderthalb Jahre. Eine lange Zeit.

 

Und in dieser Zeit hat Marilyn mehrmals auf Sie aufgepasst?

Ja genau. Sie war ja eine Freundin der Familie. Sie liebte Kinder, hatte aber nicht das Glück, eigene zu haben. Gingen meine Eltern ins Kino, fragten sie Marilyn, ob sie nicht auf mich aufpassen könnte. Das tat sie gern. Ich wusste damals noch nicht, dass der Superstar Marilyn Monroe nach mir schaute. Ich wusste nur: Meine Eltern zählten diese nette Frau zu unserer Familie. Doch muss ich hinzufügen, dass ich die Zeit genossen habe. Damals entwickelte ich ein Spiel.

 

Das hört sich spannend an!

Zu Marilyns Zimmer verlief ein Korridor – es gab zwei Stufen, die in den Raum führten. Am Ende des Flurs lehnte ich mich an die Wand, stieß mich ab und rutschte so die Treppe runter. Mit dem Anlauf rannte ich in ihr Zimmer und hüpfte aufs Bett. Da kitzelte mich Marilyn, warf mir Kissen ins Gesicht. Wie ein Hund rannte ich immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. (Lacht)

 

Als kleiner Junge scheinen Sie viel Spaß gehabt zu haben…

Allerdings. Vaters Aufgabe in dieser professionellen Beziehung war es, für Marilyns Wohlergehen zu sorgen. Sie sollte finanziell unabhängig bleiben. Marilyns Part war, sich zu entspannen, Schauspiel- und Tanzunterricht zu nehmen. Das eine führte zum anderen und man muss schon sagen, dass ihr Leben mit uns angenehm, sicher und bequem für sie war. Das hatte sie damals bitter nötig.

 

Das nahm zu guter Letzt ein tragisches Ende. Hätte Marilyn doch eine eigene Familie gewollt?

Definitiv. Ich weiß das. Es hat nicht sollen sein, aber für sie wäre das toll gewesen. Sie hatte immer Kinder gewollt – doch zu ihrem Unglück wollte dieser Teil ihres Lebens einfach nicht funktionieren.

 

Milton hatte einen besonderen Bezug zu Marilyn.

Meinen Vater interessierte stets die Person hinter dem Mythos. Sein Zugang zu den Berühmtheiten – Frank Sinatra, Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, Marilyn Monroe und viele andere – war immer, das Herz und die Seele des Menschen zu finden. Er ermunterte die Stars, sich zu entspannen, ihm Vertrauen zu schenken. Er sah eine Person vor sich. Sein Job war es, diese so abzulichten, dass wir auf den Fotos das Herz und die Seele dieses Menschen sehen können, sein Charisma und den Sinn für Humor.

 

Wie hat er das erreicht?

Vorspiel. Die meisten Menschen werden vor einer Kamera nervös, die Fotografen dahinter jedoch manchmal ebenso. Die Stars bringen ihre Entourage mit zu den Terminen, um diese Unsicherheit zu kontern oder zu überspielen. Der Fotograf nutzt Alkohol, Medikamente/Drogen oder Musik, um zu entspannen. Mein Vater indes wollte seine Verletzlichkeit nicht verlieren. Er setzte sich der anfänglichen Unbequemlichkeit aus – und das Fotomodell teilte die Befangenheit mit ihm. So entstand eine Verbindung zwischen den beiden.

 

Wie geht es weiter?

Die Fotografien wurden auf diese Weise persönlicher, verletzlicher und dadurch für den Star interessanter. Aus diesem Grund haben viele dieser Stars Milton Greene stets aufs Neue engagiert. Wollte ein Magazin zum Beispiel Fotos haben, schlugen die Berühmtheiten meinen Vater vor. Sie wussten, dass da diese Verbindung bestand, mit meinem Vater befanden sie sich auf der sicheren Seite.

 

Ging das Verhältnis zwischen Milton und Marilyn weiter?

Ich wollte mich in meinem aktuellen Buch bewusst nicht mit den Gerüchten über Milton und Marilyn beschäftigen. Wie ihre Beziehung ausgesehen habe und ähnliches Zeugs. Darüber habe in meinem Buch von 1994 geschrieben, das aktuelle behandelt hingegen ausschließlich ihre Zusammenarbeit. Wie bereits erwähnt, geht es hier darum, wie Marilyn entspannte und sich an Milton als Fotografen gewöhnte.

 

Das führte bei Marilyn so weit, dass sie mit Ihrem Vater eine Produktionsfirma gründete…

Ja, die „Marilyn Productions“. Sie wollten einige Filme drehen, mein Vater Hollywood-Produzent werden, was heute nicht mal mehr so untypisch ist, da viele Fotografen ins Filmgeschäft einsteigen. Doch bevor es losgehen konnte, tauchte Arthur Miller auf.

 

Der bekannte Dramenschreiber. Was passiert dann?

Er wollte die Verantwortlichkeiten meines Vaters in Bezug auf Marilyn übernehmen. Er setzte sie lange unter Druck, Miltons Anteil an der Produktionsfirma einzufordern. Er verlangte, dass sämtliche Einnahmen aus Marilyns Erfolgen nur Marilyn und ihm zuflössen. Ihr gehörten 51 Prozent der Firma, meinem Vater 49. Miller verstand nicht, dass mein Vater von Vorteil für Marilyns Karriere sein konnte. Er verfügte über ein ausgeprägtes visuelles Urteilsvermögen.

 

Ihre Eltern halfen Marilyn auch professionell?

Klar. Milton kümmerte sich um das Design der Kleidung, Schmuck, Make-up, Haardesign, die Beleuchtung, einfach um alles. Marilyn sollte so gut aussehen wie nur irgend möglich. Er war bei den Filmen der Kameramann, arbeitete mit den Regisseuren zusammen. Miltons Aufgabe war es, Marilyn im visuellen Sinne zu schützen, in dieser Hinsicht alles aus ihr herauszukitzeln.

 

Wie fügte sich Marilyn in diese Kooperation?

Sie arbeitete hart, um Charakterdarstellerin zu werden, sich von dem Image des dummen Blondchens mit der Dididi-Stimme, das Hollywood von ihr verlangte, zu verabschieden. „Marilyn Productions“ wurde genau für dieses Ziel gegründet. Leider sollte die Firma nicht lange bestehen. Marilyn gab dem Druck Arthur Millers nach. Er verstand nicht diese intime Beziehung zwischen meinem Vater und Marilyn Monroe – auf ästhetische Weise waren sie miteinander verbunden.

 

Wie wurde das Problem gelöst?

Mein Vater trat seine Anteile ab – unter einer Bedingung: Er forderte das Geld, das er aus eigener Tasche für die Unterbringung Marilyns in New York ausgegeben hatte: ungefähr dreihunderttausend Dollar. Er wollte zudem sämtliche Rechte an den Negativen und Bildern, die sie gemeinsam geschossen hatten. So wollte er sicherstellen, dass er die Rechte an den Fotos behielt.

 

Wie reagierte Miller darauf?

Er war etwas erstaunt, dass mein Vater nicht mehr Geld verlangte. Aber Milton wollte nicht zur Reihe der Männer gehören, die Marilyn bis zuletzt immer ausgebeutet haben. Sie hatte in ihrem Leben viele dumme Sachen erlebt, das gute Verhältnis zwischen Milton und ihr sollte unter einer solchen Angelegenheit nicht leiden.

 

Lassen Sie uns über Ihr neues Buch reden.

Gerne. Das Buch soll vor allem einige der unveröffentlichten Fotos meines Vaters von Marilyn der Öffentlichkeit zugänglich machen. Einige der Bilder wurden seinerzeit, 1953 oder 1954, im Look-Magazin veröffentlicht – aber seitdem nicht mehr. Ich wollte diese Aufnahmen in einem Buch gesammelt veröffentlichen, um Fans und Sammler zu befriedigen. Ich habe fünf Jahre an dem Band gearbeitet, zehn Jahre am Konzept gefeilt. Das wird das letzte Buch zu meinem Vater sein.

 

Gibt es auch andere Fotos in dem Werk?

Ja. Wir haben bereits veröffentlichte Bilder nochmals von Grund auf restauriert. Die technologischen Möglichkeiten waren in jenen Tagen beileibe nicht so ausgereift wie heute. Es handelt sich um teils sehr bekannte Fotos – ich denke, sie sollten nochmals in einer besseren Qualität zugänglich gemacht werden. Ich versuchte, mich hineinzudenken: Wie würde Milton heute arbeiten, mit den zeitgenössischen Technologien? Ich wusste, welche Art von Fotograf er war, was er in der Dunkelkammer anstellte, um den Originalfilm zu bearbeiten. Um die Fotos in optimaler Druckqualität abbilden zu können, wandte ich dieselben Methoden an. Ich bin sonst ein Purist, was den jeweiligen Originalfilm angeht. Aber hier dachte ich, wäre es an der Zeit, die alten Aufnahmen etwas aufzuhübschen. Der Betrachter lernt dadurch mehr von Miltons Vision kennen.

 

Wie sehen Sie denn die Zeit rückblickend?

Hätte Milton lange genug gelebt und die 80er, 90er oder 2000er erlebt, denke ich, dass er nicht viel Freude verspürt hätte. Er bevorzugte eine eher intime Atmosphäre bei der Arbeit. Cary Grant, Frank Sinatra und Sammy Davis, der mein Patenonkel war, brachten höchstens mal einen Freund ins Atelier mit. Heute fahren die Stars gleich mit fünf Limousinen und dreißig Begleitern vor. Damals herrschten noch unschuldige Zeiten in der Welt der Fotografie.

 

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