Tom Feuerstacke, Michael Müller-Möhring und eine Runde „FIFA 18“

 

Mindestens so spannend wie ein echtes Fußballspiel sind für Zocker die Partien bei

„FIFA 18“ – egal, ob online, in heimischen Wohnzimmern oder auf öffentlichen Turnieren. Aber wer bestimmt eigentlich, welche Fähigkeiten Computerpodolski oder -ronaldo haben? Dazu braucht es einen Mann, der eine riesige Datenbank pflegt, die dieses

fast reale Spektakel möglich macht.

DER GOTT DER AVATARE

Michael, du bist Herr über die Fußballer der „FIFA“-Computerspiele. Wie genau darf ich dich bezeichnen?

Head of Data Collection & Licensing.

 

Da nenne ich dich doch lieber Michael. Dein Team unterstützt die Programmierer von „FIFA 18“, kann man das so sagen?

Grob betrachtet ist das so. Wir pflegen die Datenbank, die „FIFA 18“ mit sämtlichen relevanten Daten versorgt. Die werden benötigt, um Groß-Podolski als Spiel-Podolski entstehen zu lassen.

 

Vermutlich ist die Pflege einer Datenbank für so ein Spiel alles andere als einfach?

Ich erklär das mal am Beispiel eines Trikots: Im schlimmsten Fall genießen der Verein, die Liga und der Hersteller ein Abnahmerecht. Sobald das Trikot also digital hergestellt ist, schicken wir es an den Verein, die DFL und eventuell noch an Adidas. Das kommt auf den jeweiligen Vertrag an. Alle müssen das Trikot freigeben, ansonsten können wir es im Spiel nicht verwenden.

 

Kompliziert?

Ziemlich, denn wie nicht anders zu erwarten, werden einige unserer Lizenznehmer immer detailgenauer – an sich eine gute Sache. Die Folge ist jedoch, dass ein virtuelles Trikot drei Wochen hin- und hergeschickt wird, weil es Änderungswünsche gibt. Und die sind auch wichtig.

 

Wie genau müsst ihr da sein?

Es kommt vor, dass ein Logo auf einem Trikot um einen einzigen Pixel nach links verschoben werden soll. Ansonsten: keine Abnahme.

 

So detailverliebt sind eure Partner?

(Lacht) Naja. Es ist halt wichtig: Es müssen sämtliche optischen Features stimmen, was den Spieler betrifft. Doch das bildet nur einen Aspekt unserer Arbeit ab. Der andere, größere Faktor, ist der Spieler an sich…

 

… und hier sind eure Aufgaben welche?

Etwa, dass sich der Fußballstar möglichst so verhält und bewegt wie im echten Leben. Es geht dabei um Charakteristiken. Wie jubelt ein Spieler nach einem Tor? Welche Frisur hat der? Trägt er sein Trikot in der Hose oder nicht? Das sind nur ein paar Details rund um den Spieler, die es zu beachten gilt.

 

Auf wie viele Dinge könnt ihr denn da achten?

Jeder Fußballer setzt sich aus 35 Attributen zusammen. Daraus wird dann die Spielstärke, die wir auf einer Skala von 1–99 bewerten.

 

Was für Attribute sind das in etwa?

Abschlussstärke, Weitschüsse, Verteidigen, Kopfballspiel, Freistöße. Ich bemühe jetzt nochmal den Lukas Podolski: Durch die Bewertung der 35 Punkte soll sich der digitale Lukas im Spiel so anfühlen und so gut sein wie der echte Podolski. Darum darf der wiederum nicht so gut sein wie der Ronaldo, aber lange nicht so durchschnittlich wie ein Drittligist.

 

„FIFA“ ist Kult. Eigentlich sollte es doch eine Ehre sein, dass man als Verein in diesem Spiel vorkommt. Seit wann ist es so, dass die Clubs, Verbände und Hersteller Forderungen stellen?

Je prominenter oder organsierter ein Lizenznehmer ist, desto höher sind die Ansprüche und Anforderungen. Das erstreckt sich von Finanzen über die Verträge bis hin zur Abnahme. Kleinere Vereine und Verbände fragen uns häufiger, ob sie nicht ins Spiel kommen können – am besten für lau. Für die Kleinen wäre das eine wichtige Werbung.

 

Können sie?

Bei den kleineren Verbänden haben wir das Problem, dass die Datenmenge begrenzt ist. Wir können diesen Bitten daher nicht nachkommen – im Moment. Bei den Prominenten und Organisierten wird während einer Saison peinlichst darauf geachtet, dass wir auf die minimalste Veränderung prompt reagieren.

 

Wie kommt man zu einem solchen Job?

Der Ursprung liegt in den Fußballbüchern, die ich geschrieben habe. Als Anhänger von Fortuna Köln bin ich zu Auswärtsspielen immer zu spät gekommen, da es zu der Zeit keine Navigationsgeräte gab. Viermal habe ich den Anpfiff in Solingen verpasst, wo es eigentlich gar nicht so schwer ist, das Stadion zu finden. Da kam mir die Idee, dass es einen Reiseführer für Fußballfans geben müsste. Davon gab es dann vier Ausgaben bei einem Kleinverlag. Durch das Schreiben und die Recherche für die Bücher bin ich letztendlich in diesen Job reingerutscht.

 

Da kommt doch noch was hinterher?

Bereits bei der Recherche war es schon so: Schrieb man per Fragebogen und Fax die großen Vereine an, bekam man keine Antwort von Bayern, dem BVB oder Schalke. Während der TSV Havelse prompt zurückrief und sich stundenlang am Telefon Zeit für mich nahm. Ich wurde umgehend zum nächsten Spiel eingeladen – Kaffee und Kuchen inklusive. Damit gebe ich dir natürlich recht, dass man von einem kleinen Verein anders behandelt wird als von einem großen.

 

Klar ist, die ganzen Daten kannst du nicht im Alleingang erfassen. Wie groß ist dein Team?

Wir sind 15 Leute. Ich habe hier Fußballfachwissen aus der ganzen Welt, aus den wichtigsten Ligen vereint. Hier sind Produzenten aus der Ukraine, England, Deutschland – und sogar ein Preußen-Münster-Fan.

 

Ganz schön international!

Das ist so, weil sich die Fachleute im jeweiligen Land mit der Historie des Fußballs auskennen müssen, die Philosophie verstehen und Entwicklungen voraussehen können. Aber vor allem kennen sie sämtliche Spieler aus dem Effeff. Wir sprechen hier von mittlerweile 18.000 Fußballern, die beobachtet werden – die müssen den Ansprüchen der Datenbank gerecht erfasst werden.

 

Spiele ich „FIFA“, ist Bayern in der Summe stärker als Real Madrid. Wie kann das sein?

Das gibt sich nicht viel.

 

Naja, aber immerhin noch so viel, dass ich dich darauf anspreche…

Punkt für dich. (Lacht) Da muss ich doch eben nachgucken … Tja, das ist interessant. Im Moment haben beide gerade die gleiche Summe aller Werte.

 

Im Moment?

Ja. Der Wert wird sich bei den Bayern in den nächsten Wochen nach unten entwickeln, weil sie gerade nicht ganz so erfolgreich unterwegs sind. Wir können natürlich nicht nach jedem Spiel Veränderungen vornehmen. Das gäbe einen nicht kontrollierbaren Jojo-Effekt. Wir achten mehr auf die Tendenz. Tritt also eine Mannschaft oder ein Spieler über einen längeren Zeitraum mäßig auf, gibt es Anpassungen.

 

Neulich hab ich gelesen, dass sich ein EA-Sports-Profi, der für Wolfsburg spielt, beschwert hat: Das letzte Update mache das Spiel kaputt. Grob ausgedrückt hat der Computer für Abwehrspieler wohl eine Art künstliche Intelligenz, die sich dem Realspieler anpasst. Worauf ich hinauswill: Dadurch, dass es jetzt E-Profisportler gibt, stellt ihr in Köln für diese das dar, was der DFB für die Fußballprofis ist?

Durch die E-Sports-Profis hat sich die Situation geändert. Solche Anmerkungen rücken mehr in den Fokus. Wir hören uns das Ganze selbstverständlich an, haben sehr gute Tester, die in diesen E-Sportvereinen mithalten könnten. Aber am Ende hat jeder seinen Spielstil – für die einen ist ein solches Update goldrichtig, für andere eben nicht. Das ist wie mit dem Videobeweis im echten Spiel, den manche verteufeln, andere aber über den Klee loben.

 

Ihr gebt die Rahmenbedingungen vor, was euch deutlich von Verbänden unterscheidet…

Vermutlich sind wir in dieser Beziehung von daher auch schlimmer als die echte FIFA. Wir legen die Rahmenkonditionen fest.

 

Im Gegensatz zur realen FIFA könnt ihr aber mit jedem Patch sofort reagieren – was dem Weltverband erst einmal nicht möglich ist.

Beschweren sich bei uns viele Spieler über einen Zustand, werden wir mit Sicherheit reagieren. Zudem sind wir Kritik gewohnt. Dadurch, dass wir ein höchst populäres Spiel herausbringen, fühlt sich jeder veranlasst, seine Meinung zu äußern – insbesondere in den sozialen Medien. Man hat einfach mehr Spaß, zu meckern.

 

… mehr Spaß, zu meckern, sehr geil…

… man kann es nicht jedem recht machen, aber wir versuchen natürlich, genau herauszufinden, was allen am meisten Spaß macht. Wobei die Herausforderung darin besteht, die gesunde Mitte zwischen normalen Spaßspielern und den absoluten Hardcore-Gamern auszuloten – selbst wenn man unterschiedliche Schwierigkeitsgrade im Spiel hat. Wenn ich spiele, frage ich mich manchmal, wie es sein kann, dass ein solcher Move im Spiel durch meinen Gegner möglich ist. Wo wir doch beide die gleiche Steuerung haben…

 

Das frage ich mich auch jedes Mal. Bis hin zur Zerstörung des Controllers. Sag mal, bei euch wechselt ja jährlich das Cover. Was glaubst du, wie viele der heutigen Zocker kennen noch Erik Thorstvedt, der 1995 den allerersten „FIFA“-Packshot zierte?

Den kenne ja noch nicht einmal ich.

 

Ich helfe: Er ist ein norwegischer Torhüter, der bei Borussia Mönchengladbach spielte.

Oh ja, oh Gott. Damals war das gänzlich anders. Es gab sieben Ligen und einer kümmerte sich um die Datenbank. Da wurde jemand aus dem Marketing beauftragt, einen Spieler für den Titel zu besorgen. Heute ist es eine ganze Marketingabteilung. Aber wer weiß, ob Kinder in 20 Jahren noch wissen, wer Andy Möller war…

 

Eine letzte Frage: Kannst du dir ein Fußballspiel überhaupt noch entspannt anschauen?

Das ist in der Tat schwer, weil ich mich dauernd dabei ertappe, Spieler und ihre Umgebung in Kategorien einzuteilen.

 

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