Peter Maffay geht mit Tom über mehr als sieben Brücken

 

Er hat über 50 Millionen Alben verkauft, ist der erfolgreichste deutschsprachige Künstler.

Mit satten 18 Alben hat er die Spitze der deutschen Charts erobert. Abseits des musikalischen Erfolgs ist er sozial höchst engagiert, übernimmt gesellschaftspolitische Verantwortung. Umso verblüffender, dass er stets neue Herausforderungen sucht. Diese werden mit der

gleichen Akribie angegangen, als wäre es das erste Album.

Maffay:

Unplugged, aber nicht leise

Peter, als Kind der 60er Jahre bin ich unweigerlich mit dir aufgewachsen. Dir zu entkommen, war alles andere als leicht…

… (Lacht) ich kenne einige, die es geschafft haben.

 

Offen gesprochen: Erst dachte ich: „Noch so eine Unplugged-Nummer. Wer braucht das?“ Jetzt haben wir gerade gemeinsam den Konzert-Zusammenschnitt geschaut. Wow, was für ein Auftritt! Was ging dir durch den Kopf, als MTV mit der Idee für ein Unplugged-Album auf dich zukam?

Dass es viel Arbeit bedeuten würde – und einen enormen Zeitaufwand. Das waren meine ersten Gedanken. Allerdings war mir auch sofort klar, dass es eine spannende Herausforderung sein würde, ein solches Album zu produzieren. Und es ist alles genau so eingetroffen, wie ich es im Vorfeld vermutet hatte.

 

Kannst du das etwas genauer ausführen?

Es war eine der aufwändigsten Produktionen, die wir bis jetzt hatten. Logistisch war es eine echte Herausforderung. Es handelte sich dabei um eine sehr intensive Situation. Du spielst drei Mal und das Ding muss im Kasten sein. That’s it. Das, was wir uns da unten angeschaut haben, ist allerdings kein Zusammenschnitt aus drei Tagen, sondern ein Auszug aus dem dritten Tag.

 

Das Album wurde live on tape an einem Abend produziert?

Ja, du hörst auf zu spielen, gehst von der Bühne und denkst: Scheiße, was war das? Da hat zu 98 Prozent alles gestimmt. Sowas passiert selten. Das war super motivierend.

 

Hast du damit gerechnet, dass es so gut werden könnte in nur einem Take?

Dass es so aufgehen würde, war nicht absehbar, aber man wünscht es sich. Dass eine solche Arbeit interessant wird, war hingegen klar. Dass du Leute kennenlernst, mit denen du auf der Bühne zusammen spielst, als würdest du bereits seit Jahren mit ihnen spielen. Das hat definitiv eine hohe Qualität.

 

Dass du und deine Band Qualität mitbringen, steht außer Frage.

Es geht um die Qualität im Zusammenspiel mit den Gastmusikern, die bei diesem Projekt mitgewirkt haben. Natürlich weiß man im Vorfeld, was jede oder jeder Einzelne drauf hat. Steht man dann zusammen auf der Bühne, ist es dennoch etwas anderes, etwas Besonderes. Bekannte Lieder erlangen durch diese musikalische Symbiose eine neue Aktualität.

 

Wie kam es zu der Idee, im Rund zu spielen und somit das Publikum zum Teil der

Performance werden zu lassen?

Regisseur Hans Pannecoucke hatte die Idee. Er fragte, wie wir im Studio spielen – ich erklärte ihm, dass wir uns im Kreis gegenübersitzen, von Angesicht zu Angesicht. Daraufhin schlug er vor, das beim Konzert so umzusetzen. Meinen Einwand, dass er dann keine Totale aufnehmen könnte, entkräftete er. Er sehe ja das Gesicht des Gegenübers und an diesem könne man ablesen, was der Andere gerade macht. Letztendlich war es ein gelungenes Experiment, auf das wir uns eingelassen haben. Anders ausgedrückt: Es war eine Bauchentscheidung, die aufgegangen ist.

 

Vor der Vorführung hast du eine sechsmonatige Planung für das Projekt erwähnt. Was hat dabei die meiste Zeit beansprucht?

Die Produktion. Die Frage stand im Raum, wie man mit Druck ein solches Theater wie das Steintor-Varieté in Halle/Saale beschallt. Der Raum, den es in ein musikalisches Gewand zu kleiden galt,

war eng und hoch.

 

Das ist ein Problem?

Wer sich mit Akustik beschäftigt, weiß: Mit Druck wandert alles in die Höhe und kommt zehnfach zurück, wenn der Raum so klein ist. Das klingt scheiße. Da kam also jemand, der meinte, dass er ein System hätte, mit dem es funktionieren könnte. Du fängst zu proben an, Bertram haut auf die Becken – und du fällst erst mal vom Hocker. Du bittest Bertram, leiser zu spielen – und er sagt, dass er bereits leise spielen würde. Das waren die Feinheiten. Als Nächstes wollte der Regisseur schönes Licht haben. Filmlicht sollte es sein.

 

Wie realisiert man einen solchen Wunsch?

Wir fanden Filmleuchten, die schönes weiches Licht zeichnen. Dann kam die Frage, welchen Boden man nehmen würde, welche Optik? Wie würden die Leute sitzen? Als diese Punkte alle beantwortet schienen, war der Hauptteil geplant.

 

Die Fülle und Reichhaltigkeit der Instrumente bei deinem Unplugged-Auftritt – stets sind  drei bis vier Gitarren zu hören, minimal fünf Stimmen, Chöre, Bläsersatz. Du hast etwas entstehen lassen, das es bisher nicht gab…

... in dieser Form nicht...

 

… schließt man die Augen und hört nur zu, kommt man nicht auf die Idee, dass es unplugged ist. Wie schafft ihr das?

Das ist nicht schwer. Es ist unsere Art zu spielen, nicht übertrieben und künstlich. Spielten wir artifiziell, würde man uns ansehen, dass es uns keinen Spaß macht, dass wir uns gerade anstrengen. Und: Man würde das hören. Aber würde es sich so überhaupt lohnen zu spielen?

 

Wie zieht man das so durch?

Man muss dafür gut trainieren. Damit die Muskeln funktionieren – und natürlich der Kopf. Hast du eine starke Band, so wie wir es sind, wird der bekannte Song „Room with a View“ etwas Besonderes. Ich möchte mit keinen anderen Musikern zusammenarbeiten. Aber wie gesagt: Es ist wie im Trainingslager. Es gilt solange zu arbeiten, bis das Endprodukt sich auf einem ganz hohen Niveau bewegt.

 

Solche Planungen und Proben führen unweigerlich zu Diskussionen. Du wirkst eher gelassen. Knallt es auch schon mal bei euch?

Grundsätzlich führen nur sachliche Diskussionen zum Ziel. Aber ab und zu rappelt das auch bei uns. Dabei geht es gar nicht darum, ob einer etwas falsch macht. Manchmal passen zwei Positionen einfach nicht zusammen. Carl Carlton spielt beispielsweise so gut und so präzise in seiner Oldschool-Gitarrenversion, wie Keller in seiner moderneren Auffassung Gitarre spielt. Der eine spielt links, der andere rechts – das gilt es zu verbinden. Das bereitet uns aber enormen Spaß.

 

Wie löst ihr das, wie verbindet ihr solche holprigen Momente?

Das ist schlichtweg Analyse. Man überlegt gemeinsam, was dem Autor des Songs wichtig war. Ist das geklärt, weiß man, welche Gitarre am lautesten sein soll und in dem jeweiligen Stück führt. Erfahrene Musiker lassen eine solche Analyse zu, die ziehen daraus die richtigen Schlüsse. Hast du viele Leute auf der Bühne, musst du analysieren, was das Zeug hält. Transparenz schaffen.

 

Etwas anderes: Du bist politisch engagiert, hast bei der letzten Wahl zum Bundespräsidenten für die SPD/Saarland in der Bundesversammlung gesessen. Du hast geäußert, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, die Bereitschaft zeigen müssen, sich integrieren zu wollen. Du besitzt selber einen Migrationshintergrund, ist Deutschland tatsächlich offen für Fremdes, und sind wir bereit, Flüchtlinge zu integrieren?

Aber natürlich. Es haben zwar relativ viele Leute die AfD gewählt, bei denen dieser Wille anscheinend nicht vorhanden ist. Aber Gott sei Dank gibt es immer noch immer noch weitaus mehr, die liberal genug sind und die keine Probleme mit der „Andersartigkeit“ von Menschen haben. Denen ziemlich egal ist, welche Herkunft jemand hat oder aus welcher gesellschaftlichen Ecke jemand kommt. Trotzdem haben wir in unserer Demokratie bestimmte Kriterien, die die Qualität unseres Lebens ausmachen. Wir können nicht zulassen, dass diese Kriterien verletzt und ignoriert werden. Das war der Inhalt meiner Aussage, und das lässt sich nicht falsch verstehen.

 

… da hast du sicherlich recht…

… niemand möchte dorthin zurück, wo wir noch vor einigen Jahrzehnten standen. Das war und ist damit gemeint. Es ist aber auch nicht sinnvoll, den Bürgern die Illusion zu lassen, die Flüchtlinge würden in diesem Land klarkommen, ohne dass man ihnen Hilfestellungen gibt oder Ansätze aufzeigt, wie Integration gelingen kann.

 

Ein Punkt war dir immer schon wichtig: die Sprache.

Soll Integration funktionieren, wird man nicht drum herum kommen, die Sprache des Landes, in dem man fortan leben möchte, zu sprechen und zu verstehen.

 

Viele dieser Aspekte sind in den letzten Jahren überdacht worden, man hat neue Ansätze entwickelt, um andere Wege zu gehen.

Sicherlich, und das ist auch gut so. Ich denke aber – und das gilt für alle demokratischen Länder – es ist eine Illusion, dass eine Gesellschaft unbegrenzt belastbar sei. Die Behauptung, dass das möglich sei, führt in die verkehrte Richtung und nicht zur Beantwortung sozial relevanter Fragen. Damit mogelt man sich um sieben Ecken und schafft Diffusion. Und diese führt dazu, dass Wähler sich nicht abgeholt fühlen und ihre  Stimme einer Partei wie der AfD geben. Was mir nicht gefällt.

 

Was wäre denn eine naheliegende Lösung?

Dass man auf den Punkt kommt und sagt, welche Lösungen man tatsächlich parat hat, um Menschen konkret zu integrieren. Ihnen eine Perspektive anzubieten, die gültig und belastbar ist. Nur so zu tun, als ob, das reicht nicht – und das wissen wir inzwischen.

 

Diese Perspektiven benötigen ein stabiles Fundament. Wie sieht das aus?

Den Grundstein bilden klare Konzepte der Integration, die da lauten: Bildung und Arbeitsplätze. Das muss eine Gesellschaft aber auch anbieten können. Kann sie das nicht, erzeugt sie einen Trugschluss.

 

Was ich nicht verstehe: Wir leben in einem freizügigen Europa, in dem wir fast alles tun und lassen können, was wir wollen. Wir finden für jedes Problem eine Lösung. Nur beim Thema Flüchtlinge/Zuwanderung scheinen viele Länder gerne den Blick nach rechts zu wenden. Warum scheinen wir, nach Ansicht vieler Bürger, bei diesem einen Thema zu scheitern?

Das ist schwierig. Wir müssen es hinbekommen, dass unsere gesellschaftlichen Werte anerkannt werden. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau darf nicht zur Disposition stehen. Religionen müssen gleich behandelt werden, denn es gibt nicht den einen richtigen Gott. Das sind nur zwei Punkte, die man akzeptieren muss. Wer das nicht kann, akzeptiert unser System nicht. Das gilt gleichermaßen für alle Menschen, die in unserer Gesellschaft leben möchten.

 

Trotzdem noch einmal die Frage: Warum scheinen wir beim Thema Flüchtlinge – vielen Bürgern zufolge – zu scheitern?

Ich glaube nicht, dass wir scheitern. Wir sind nur nicht erfolgreich genug. Vom Scheitern kann man doch nur sprechen, wenn ein Prozess abgeschlossen ist – und das ist er noch lange nicht. Wir stecken noch mittendrin. Wir erleben jetzt leider in Europa Situationen, die alles erschweren: Kleinstaatlichkeit und Isolation. Kleine Landesteile streben nach Unabhängigkeit, die Ost-EU-Staaten isolieren sich immer mehr. Der europäische Gedanke scheint in weiter Ferne. Aber all das erschwert den Prozess nur, aufgegeben haben wir ihn noch nicht. Ergo sind wir noch nicht erfolgreich genug. Aber gescheitert, das sind wir Gott sei Dank noch nicht. Vielleicht ein Gedanke zum Schluss?

 

Gerne!

Nichts ist verloren. Man muss die Dinge nur wieder in den Griff bekommen. Man muss aber auch den Willen haben, das zu tun. Solange es mehr Menschen gibt, die diesen Willen mitbringen, als solche, die sich dem verweigern, ist die Chance groß, dass wir das erreichen. Hätten wir bereits verloren, würden wir ja aufgeben. Doch das steht nicht zur Debatte.

 

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