Jana Nimz, Prof. Dr. Walter Stummer und was zu tun ist, wenn die Nerven blank liegen…

 

„Du schaust den Leuten immer nur vor den Kopf.“ Dieses Sprichwort trifft im Falle von  Prof. Dr. Walter Stummer nicht ganz zu. Er schaut rein – und wenn er schon mal da ist,  rettet er Patienten das Leben – oder macht es bei Betroffenen von Trigeminusneuralgie deutlich schöner. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, mit dem ihr künftig jedes Scrabble-Spiel für euch entscheidet, und warum man Nerven nicht einfach  durchschneiden sollte, erfahre ich im Gespräch.

KOPFSACHE

Trigeminusneuralgie. Zungenbrecher und seltene Krankheit. Ich habe gelesen, im Jahr werden durchschnittlich zwölf Fälle aus 10.000 diagnostiziert. Trotzdem scheint sie relativ gut erforscht zu sein.

Gut, so selten ist die Trigeminusneuralgie nun auch nicht – zumindest in Relation gesehen. Da gibt es seltenere Erkrankungen. Aber sie ist glücklicherweise auch nicht sonderlich komplex. Na ja, „simpel“ wäre jetzt natürlich das falsche Wort, aber sagen wir mal so: Wir verstehen Ursache und Wirkung.

 

Es hat etwas mit dem fünften Gesichtsnerv zu tun, soweit ich das richtig verstanden habe.

Ganz genau. Dort wo dieser Nerv in den Hirnstamm eintritt, lagert sich ein Gefäß an. In und auf unserem Gehirn sind überall Gefäße, ohne die wir ziemlich aufgeschmissen wären, die sind prinzipiell unproblematisch. Im Laufe des Lebens kann es passieren, dass sich dieses Gefäß am Nerv immer weiter ausdehnt – das steht ja ständig unter Druck, pocht und pocht und pocht an den Nerv, immer an dieselbe Stelle. Sechzig bis hundert Mal die Minute. Über Jahre. Dadurch kann der Nerv seine Isolierung verlieren.

 

Wie ein Kabel.

Richtig. Und wenn wir bei dem Bild bleiben, können wir uns die Folgen des freiliegenden Nervs wie Kurzschlüsse vorstellen: Signale springen von einem Nerv auf den anderen über – beispielsweise von einer Nervenfaser, die für die Berührung zuständig ist, auf eine Nervenfaser, die für die Schmerzleitung verantwortlich ist. Das verursacht die Pein.

 

Unfassbare Schmerzen, so habe ich zumindest gelesen.

Ja, das stimmt. Ich habe erlebt, dass Leute sich das Leben nehmen wollen, weil sie die Schmerzen nicht mehr aushalten. Und all die Einschränkungen, die damit einhergehen. Alles, was einen Berührungsreiz auslöst, kann zu Schmerzattacken führen – Zähneputzen, essen oder der Wind auf der Straße. Leute, die besonders schwer betroffen sind, bei denen auch Medikamente nicht mehr helfen, verhungern beinahe, weil sie nicht mehr essen. Natürlich wollen sie alles vermeiden, was Schmerzen auslösen kann. Wir hatten unlängst eine Patientin, die nur zusammengekauert im Bett lag, total abgemagert, ganz schrecklich.

 

Die Krankheit tritt eher bei älteren Menschen auf?

Definitiv. Ganz, ganz selten bei Kindern, die wir hier allerdings auch schon gehabt haben. Bei ihnen ist eine besondere anatomische Konstellation vorhanden. Aber das ist eine absolute Rarität.

 

Woran erkennen Sie die Trigeminusneuralgie?

Das ist nicht einfach. Wir können Schmerzen nicht messen. Bei einer solchen Erkrankung können wir den Patienten nicht röntgen wie bei einem gebrochenen Bein – und wir haben auch keinen magischen Apparat, der erkennt, ob jemand Schmerzen leidet oder nicht.

 

Verstehe. Angesichts dessen: Wie lange kann es dauern, bis ein Betroffener die richtige Diagnose erhält?

Das kann schon eine Zeit dauern. Da kommt es auch auf die Ärzte an, die der Betroffene konsultiert – ob diese gleich in die richtige Richtung denken. Der klassische Verlauf ist, dass die Leute erstmal zum Zahnarzt gehen, denn die Schmerzen treten oftmals im Unterkiefer auf. Sie müssen wissen, drei Nerven teilen sich das Gesicht: Der erste ist für die Stirn zuständig, der zweite und dritte für den Ober- beziehungsweise Unterkiefer. Letztere sind am häufigsten betroffen und dementsprechend gibt es etliche, die sich sogar Zähne ziehen lassen, bis jemand auf die Idee kommt: Wahrscheinlich waren die es gar nicht. Alles schon passiert.

 

Unangenehm. Trägt die Krankenkasse in einem solchen Fall die Kosten für den

Zahnersatz?

(Lacht) Da weiß ich leider nicht genau Bescheid. Wie ich schon sagte, es handelt sich dabei um den klassischen, weil logischen Verlauf: Bei Schmerzen im Unterkiefer ist es naheliegend, erst zum Zahnarzt zu gehen, anstatt zum Neurologen. Da ist kein Böswillen im Spiel. Zudem gibt es auf der anderen Seite Erkrankungen, die eine Trigeminusneuralgie imitieren können. Zum Beispiel eine Kiefergelenks-Arthrose. Das Gelenk tut beim Kauen jedes Mal weh. Wenn der Betroffene diese Schmerzen schildert, kommt man eventuell auf die Idee: „Aha, das klingt nach Trigeminusneuralgie.“

 

Wer sagt so etwas? Mein erster Gedanke wäre das nicht.

(Lacht) Ärzte. Also sehen Sie? Man muss bei sowas immer aufpassen. Ist ja nicht alles eine Trigeminusneuralgie.

 

Okay, gehen wir davon aus, ich sitze vor Ihnen – mit einem strahlenden Lächeln aus drei Zähnen – und es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich um Trigeminusneuralgie handelt. Wie lange muss ich auf eine OP warten? Oder gibt es andere Wege?

Es gibt auf jeden Fall eine medikamentöse Therapie. Medikamente, die die Erregbarkeit des Nervensystems unterdrücken: Beispielsweise solche, die bei Epilepsie eingesetzt werden. Das ist ja der gleiche Mechanismus, auch da wird die Erregbarkeit von Nervenzellen unterdrückt, das kann vielen Leuten Linderung verschaffen. Beschwerdearmut bis hin zu Beschwerde … Beschwerde…

 

… -freiheit?

Ja, genau, danke. Ich bin ja bloß Chirurg, ich muss ja nur operieren können, nicht sprechen. (Lacht)

 

Das ist bei mir andersherum.

Das hilft auf jeden Fall vielen, wenn wir erst einmal diesen Weg gehen. Aber diese Medikamente sind leider nicht ohne Nebenwirkungen. Die gehen auf die Leber, können Allergien hervorrufen, zu Blutbildveränderungen führen und manchmal reichen sie nicht aus und müssen immer höher und höher dosiert werden. Dadurch werden die Patienten müde, ihnen wird schwindelig – sie können ihren täglichen Aktivitäten nicht mehr nachgehen.

 

Darauf hätte ich auch nicht so viel Lust.

Geht mir ähnlich. Dann ist spätestens der Zeitpunkt gekommen, an dem eine andere Möglichkeit immer weiter in den Fokus rückt: die Chirurgie. Gerade in den seltenen Fällen, in denen jemand jung erkrankt. Mit der Operation haben wir immerhin eine Ursachentherapie – und das ist ja normalerweise zu bevorzugen. Schmerzmittel oder diese Antiepileptika sind eine Symptomtherapie. Aber bei einem älteren Menschen ist man eher ein wenig zurückhaltend, gleich zum Messer zu greifen. Denn jede Operation geht mit einem Risiko einher. Der Trick ist, dieses möglichst klein zu halten. Deswegen sollte das auch nicht unbedingt jeder machen. (Lacht)

 

Ich denke mal, dass sehr darauf geachtet wird, dass jemand, der an Köpfen operiert, auch die Fähigkeiten dazu besitzt.

Durchaus. Die Sache ist: Diese Krankheit ist nichts, woran man stirbt. Zumindest so vereinfacht gesagt. Bei der Operation jedoch besteht die Gefahr, dass der Patient nicht mehr aufwacht. Gott sei Dank ist mir das bei einer solchen Operation noch nie passiert, aber die Möglichkeit besteht nun einmal. Hat jemand einen bösartigen Hirntumor, operieren wir selbstverständlich. Dort steht ein kalkulierbares Risiko gegen jenes, sicher an dieser Krankheit zu versterben. An der Trigeminusneuralgie stirbt man nicht, doch was bei einem Patienten im Zuge einer Operation „kaputtgehen“ kann, übersteigt die Schäden, die durch die Krankheit entstehen.

 

Wenn ich mir jedoch überlege, dass die Medikamente nicht mehr wirken oder so starke Nebenwirkungen haben, dass ich kaum noch etwas machen kann – das ist doch kein Leben mehr. Viele Patienten wünschen sich doch eher die OP, oder?

Ja. Wenn es richtig schlimm ist, ist das tatsächlich so. Man muss bei vielen von diesen Sachen auch einfach Betroffener sein, um das überhaupt nachvollziehen zu können. Ein gesunder Mensch kann sich oftmals gar nicht vorstellen, dass sich jemand am Kopf herumschneiden lässt. Wenn bei einem selbst dann plötzlich ein Hirntumor entdeckt wird – da macht man viele Dinge, die man sich nicht hätte vorstellen können. Was dann zutage tritt, ist der Selbsterhaltungstrieb. Und der ist mächtig. Unwahrscheinlich mächtig. Das Bedürfnis, das Verlangen, am Leben zu bleiben, ist immens. An unseren Patienten sehen wir das immer wieder: Die möchten jede Möglichkeit ausschöpfen, alles ausprobieren – trotz Patientenverfügungen, in denen etwas Anderes steht. Das ist nur menschlich.

 

Hypochondrisch darf man als Arzt wirklich nicht veranlagt sein, oder?

Im Laufe seines Studiums macht man viele schwere Erkrankungen durch, die man dann doch nicht hat. (Lacht) Man achtet mit einem Mal doch sehr auf sich selbst, schaut sich seine „Symptome“ genau an. Besonders eingeprägt hat sich bei mir der Ausbildungsteil in der Psychiatrie: Teilweise handelt es sich bei diesen Krankheiten um Überspitzungen von Wesenszügen, die jeder von uns an den Tag legt. Wir sind halt manchmal etwas manisch oder traurig, aber bei diesen Menschen geht das noch viel weiter. Dann diese ganzen bösartigen Erkrankungen – wenn es da mal irgendwo zwickt, überlege ich schon, was dahinterstecken könnte. Na gut, mit der Zeit lernt man, damit zu leben, weil man ja nun doch nicht jede Woche todkrank wird.

 

Ich wäre auch definitiv die Falsche. Der Freund meiner ehemaligen Mitbewohnerin hat Medizin studiert – dass ich nicht ständig in die Notaufnahme gerannt bin, ist auch schon alles.

Es schlägt schon etwas durch, da haben Sie recht. Wenn meine nahen Angehörigen irgendwas haben, befürchte ich automatisch das Allerschlimmste. (Lacht) Für meine Familie wäre ich ein schlechter Arzt, aber das ist nur normal, denke ich. Es ist auch allgemein ethisch akzeptiert, dass ein Chirurg zum Beispiel nie seine Angehörigen operieren sollte. Das hängt damit zusammen, dass ich Ihnen die zehn Fälle in meinem Leben, bei denen die Komplikationen schlimm wurden und Leute verstorben sind, alle nennen kann. Doch all die tausend Patienten, denen ich geholfen habe … – von denen weiß ich gar nicht mehr so viel. Insofern wäre ich immer vorbelastet, müsste ich meine Familie behandeln.

 

Das ergibt Sinn…

Dabei haben alle Chirurgen mal Komplikationen. Derjenige, der keine hat, obwohl er immer versucht, das Beste zu geben, den gibt es schlicht nicht. Wenn das einer sagt, dann lügt er. Das liegt auch daran, dass wir uns auf einem diffizilen, schwer verständlichen Gebiet befinden. Wir Neurochirurgen hauen im Grunde mit einem Hammer auf einem Computer herum und versuchen, ihn damit zu reparieren. Jetzt schauen Sie nicht so erschrocken. (Lacht) Natürlich wissen wir schon viel, aber unser Gehirn ist nun einmal so komplex, dass wir es nie in seiner Gänze verstehen werden.

 

Dabei nimmt es ja meist ein gutes Ende, richtig? Wie stehen bei der Trigeminusneuralgie die Heilungschancen im Fall einer OP?

Zu 95 Prozent über fünf Jahre – das sagen zumindest die Studien, was ich mit meiner

Erfahrung auch absolut bestätigen kann. Sollten die Schmerzen abermals auftreten, kann es auch sein, dass die falsche Diagnose gestellt wurde.

 

Ist diese Krankheit schon lange belegt?

Ja. Ich meine, die ersten Operationen wegen der Trigeminusneuralgie wurden in den 50ern durchgeführt. Allerdings etwas anders als heute: Die Ärzte haben den Nerv schlichtweg durchgeschnitten.

 

Oh.

Ja, das hat nicht so richtig gut funktioniert. Dabei ergibt der Grundgedanke Sinn: Wenn der Nerv nicht funktioniert, kann er keine Schmerzsignale senden. Dadurch haben die Betroffenen allerdings eine Art Phantomschmerz entwickelt – das war nicht unbedingt besser. Anders auf seine Weise, aber auch schlimm. Dann ist einem Neurochirurgen aufgefallen, dass sich stets ein Gefäß in der Nähe befand, wenn er einen Nerv durchschneiden wollte. Da hat er geschaltet und gesagt: „Vielleicht ist ja das Gefäß das Problem!“ Und das ist die Historie.

 

Ich bin sehr dankbar für den Punkt, an dem die Medizin inzwischen ist – sicher können und wissen wir noch lange nicht alles, aber man wird inzwischen wahrscheinlich seltener zum Sterben nach Hause geschickt.

Man geht anders aus der Therapie raus. Die Erwartungshaltung ist ja, dass nichts schlechter ist. Und das schaffen wir in der Neurochirurgie auch. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, als man mit den größeren Eingriffen am Kopf begann, sind 80 Prozent der Menschen gestorben – heutzutage liegt die Mortalität in der Neurochirurgie im Promillebereich, zumindest bei Wahloperationen.

 

Ist die Neurochirurgie so etwas wie die Königsdisziplin?

Da bin ich jetzt natürlich ein bisschen voreingenommen, ein paar Zimmer weiter sitzt der Herzchirurg, der würde Ihnen etwas Anderes erzählen. (Lacht) Aber ich kann Ihnen sagen: Ein Herz können Sie rausnehmen, den Patienten an eine Maschine anschließen, ein anderes Herz einbauen – und wenn es runterfällt, können Sie es abwaschen. Ein Gehirn nicht. Alles, was wir machen, ist ziemlich irreversibel. Es gibt gewisse Reparaturmöglichkeiten, aber viele nicht. Wenn da wirklich was kaputtgeht, ist es das und bleibt es auch. Unsere Verantwortung ist also schon groß. Verlieren Sie ein Bein, so ist das sicherlich nicht schön – aber: Wenn Sie nicht mehr denken, fühlen, reden können. Was bleibt da noch?

 

Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Ich empfinde es schon als intensive Verantwortung, an der ich durchaus zu knabbern habe. Mit meiner Erfahrung und Stellung als Klinikdirektor fallen mir Operationen zu, vor denen ich schon manchmal abends zuhause sitze: „Mensch, was hast du da morgen wieder für eine Aufgabe?“ Gerade, wenn’s um Kinder geht. Und sich dann vorzustellen, dass etwas schiefgeht … Also mir geht’s nahe. Mir geht es unwahrscheinlich nahe. Deswegen ist es wichtig, dass sehr, sehr wenig passiert. Gott sei Dank haben wir inzwischen aber auch tolle Möglichkeiten, um Risiken zu minimieren. Im Hirn ist alles sehr klein und fein. Abgesehen davon also, dass wir wissen müssen, was wir tun, überwachen wir enorm viel: Beispielsweise den Hörnerv und sämtliche anderen Funktionen des Gehirns. Immer, wenn wir Gefahr laufen „zu viel zu machen“, in Bereiche vordringen, an die wir gar nicht dran sollen, bekommen wir ein Warnsignal.

 

Das ist gut.

Auf jeden Fall. Dennoch ist Neurochirurgie einfach gefährlich – das liegt auch daran, dass man Probleme nie hundertprozentig ausschalten kann. Leute sterben zum Beispiel an Lungenembolien, da kann man auch nichts machen.

 

Da kann man nichts machen.

Also klar, wir machen natürlich etwas, wir geben Thrombose-Prophylaxespritzen und so weiter, aber manchmal passiert es leider trotzdem.

 

Klar, das heißt ja auch nicht, dass hier irgendwer einen schlechten Job verrichten würde – Menschen sind halt sterblich.

Ja. Aber warum machen wir das? Weil es ja auch so unglaublich viele schöne Augenblicke gibt. Wenn Sie jemandem geholfen haben und die sind dankbar und froh, dann fühlt man sich riesig. Geht jedoch etwas schief, liegt man am Boden. Aber so ist das. So haben wir uns das ja ausgesucht.

 

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